Erbsen um halb sechs

Wir haben uns kurzerhand entschieden: die Kids und ich fahren an die Ostsee, schließlich sind Ferien. Meer ist mehr. MEL mietet ein Ferienhaus, im Finden von super Urlaubsunterkünften ist er absolut unschlagbar – und diesmal komplett selbstlos: er muss arbeiten.

Die Kinder sind glücklich und schmieden Pläne, deren  zentrale Elemente Drachen steigen und Erbsen essen sind. Erbsen essen im Ferienhaus ist Pflicht, finden sie.

Kurz nach halb sieben (morgens! und in den FERIEN!) fährt unser Zug nach Poel. MEL hat die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn freundlich darauf hingewiesen, dass ihr Arbeitgeber für Ziele an der Ostsee das gar nicht so willkürlich benannte Ostseeeticket bereit hält, eigene Kinder umsonst fahren und dankend von ihrem Angebot Abstand genommen, 170 Euro pro Tour für drei Personen zu berappen.

Wir schaffen den Zug tatsächlich, wenn auch ohne Kaffee für mich (der zum Urlaub gehört wie Erbsen zum Ferienhaus), weil sich eine Dame mit dem Habitus der besserverdienenden Hipsterprinzessin im Jack Wolfskin Outdoor-Rock ausgiebig bei Mc Doof über das Sonderangebot mit gratis-Schokolade informieren  wollte und zwischen ihr und mir noch jemand stand und die Mc Don Tante morgendlichem Stress mit meditativem Kaffeekochen begegnet. Keine Chance für mich, meinen Kaffee, den Zug und meinen Urlaub.- jedenfalls nicht heute morgen.

So, jetzt ist erstmal der Akku alle und ich muss veröffentlichen, um den post nicht zu verlieren. Sorry , folyt köv 🙂

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Abstecher zum Postkartenpanorama

Wenn du es eilig ein kleines Schiff hast, mach einen Umweg.

Durch den Regen der vergangenen Tage zog sich Mortens* wiederholte freundlich-tröstende Versicherung, südgehend würden wir Sonne haben. Als sie wirklich kommt – offensichtlich haben wir den Regen zusammen mit den Baugerüsten irgendwo beim Wenden abgeladen – ändert sich die Stimmung an Bord. Sonnenbrillen tauchen auf und werden über Mützen getragen; die Seefahrtspioniere sitzen längst im Windschatten draußen in der Sonne (hier rentiert sich in nächtelangem Polarlichtjagen erworbenes Windschatten-Insiderwissen); sogar die notorischen im-Salon-am-Fenster-Bücherleser-und-Sudokos-Knacker klappen Buch und Sudokoblock zu und halten die Nasen auf den Außendecks in die Sonne.

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Jule und ich gönnen uns einen Tee am Achterdeck, oder das, was vomTee übrig ist, nachdem ich – in jeder Hand eine Tasse – nach innen und außen öffnende Türen elegant gemeistert habe, nur um dann rückwärts über eine letzte Stufe zu stolpern.

Die Sonne hinter dem Schiff ist wunderbar, wie muss sie erst vorne sein? Der Welpe trollt sich. Der Kapitän hat die Schiebetüren weit offen und kommt mit einer Zeitung zu uns: Ob einer von uns Rockfan wäre. Grinsend zeigt er uns, dass in Kalifornien demnächst ein neues Woodstock ansteht, der Moment, an dem wir zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdenken, die Lofoten vom Postschiff zum Piratenschiff zu machen. Warum wir das Schiff dann nicht wenden, frage ich. Der Cäpt’n lächelt nachsichtig: weil Wenden wenig helfen würde, wir führen schon in die grobe Richtung Kalifornien, nur ob wir es rechtzeitig bis hin schaffen, bliebe doch fraglich.

Und weil er der coolste Cäpt’n ever ist, beschließt er, dass wir die Sonne mit einem kleinen Abstecher durch das Postkartenpanorama vom Aldersund feiern. Mit einem kleinen Schiff wie der Lofoten könne man schon mal von der Route abweichen. Wir mögen doch auf die andere Seite der Brücke gehen, da ist die Aussicht toller. Tatsächlich spiegeln sich Felsen und Hütten im Wasser, hatten wir schon so ruhige See, dass sich irgendwas hätte spiegeln können?

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*Interview mit Morten

Dinge, die bei Seegang Spaß machen

mittlerer Seegang

  • im richtigen Moment vom Klo aufstehen
  • duschen
  • Kaffee oder Tee in Tassen von A nach B tragen
  • fotografieren
  • ein anderes Dessert bekommen, weil sich das geplante Karamelldessert aus dem Ofen katapultiert hat und auf dem Kombüsenboden gelandet ist
  • Tellern und Gläsern beim vom-Tisch-rutschen zusehen
  • anderen dabei zusehen, wie sie Kaffeetassen, Biergläser o.ä. von A nach B zu bringen trachten
  • frei im Raum stehen
  • draußen stehen und dem Meer bei seiner Party zusehen

    schwererer Seegang

    • schlafen
    • wenn so lange Seegang ist, dass selbst überarbeitete Mütter nicht mehr wirklich schlafen können, liegen bleiben und an nette Dinge denken, die zum Rhythmus des Schaukelns passen

    schwerer Seegang

    • keine Ahnung

    Wenn du eine Bluse schaust

    Mitternachtskonzert in der Eismeerkathedrale

    Nix los den ganzen Tag. Wir holen Schlaf nach und haben, was Jule liebevoll Kabinenkoller nennt. Die Sonne am Nordkap – weg. Wir haben das Wasserpaket gebucht und fertig. Theoretisch bedeutet Wasserpaket, dass man 2 mal eine Halbliterflasche Wasser am Tag bekommt (und damit Coca Cola unterstützt), was völlig überflüssig ist, denn es gibt Leitungswasser umsonst. Praktisch schließt unser Wasserpaket wohl eine Flatrate auf Wasser von oben ein.

    Juli hat keinen Sozialbedarf, einer meiner Krimis interessiert sie mehr als nebelverhangene Felswände oder Smalltalk Lektion 7.

    Inzwischen habe ich permanent so viel gegessen, dass ich das Abendessen auslasse, bevor mir nur noch Schuhe und Ohrringe passen. Das wird mir am nächsten Morgen von allen Seiten die teilnahmsvolle Frage einbringen, ob es mir wohl wieder besser gehe. Warum sonst sollte man dem superleckeren Essen fernbleiben??!

    Schreiben/lesen/stricken kann ich nicht, das Schiff schaukelt, ich habe also viel Zeit, sogar eine kreativere Mitternachtskonzertfrisur ist drin – die genau so lange hält, bis ich Polarlichter gucken gehe. Der Wind erledigt das binnen Sekunden, dann kann auch die Mütze keinen nennenswerten Schaden mehr anrichten. Überhaupt, fast alle Bilder werden hier unter hardcore Bedingungen gemacht, entweder schüttelt das Schiff oder der Wind, oder die Ohren frieren einem ab. Ach ja und Abzug in der B-Note gibt es definitiv für die Wanderschuhe, die ich zum sorgfältig gewählten Konzertoutfit trage. Irgendwie habe ich mich davon überzeugen können, dass ich die ordentlichen Schuhe nicht brauchen werde; weshalb ich dann trotzdem Strümpfe zum Kleid mithabe, keine Ahnung. Morgen ist Captain’s Dinner, da kann ich mich das nochmal fragen. (Und rauskriegen, wie sich dieser schlanke Mann zweimal hintereinander durch ein 5-Gänge-Menü manövriert.)

    Schon die Einfahrt nach Tromsö ist grandios, erst Polarlichter, dann erwartet uns Tromsö mit einem Lichtermeer. Das Konzert ist sehr schön, weit nach Mitternacht, der Wellengang hat uns wieder Zeit gekostet, die Musiker warten auf uns, das Konzert geben sie nur für uns. Eine Sopranistin, eine – heißen sie Flötistin? und ein Pianist, sehr cool das ganze. Schöne Stücke, Profimusiker, die mit Herzblut dabei sind, auch nachts um halb eins für 25 Leute.

    Das mit dem Kabinenkoller hatte ich ja schon gesagt, es hat wenig geholfen, dass eines der gespielten Lieder das war, bei dem meine Tochter geboren wurde. Vor dem endgültigen Dammbruch rettet mich ausgerechnet Heine. Die Sopranistin singt den Gruß, eigentlich heißt es darin
    wenn du eine Blume schaust, sag, ich lass sie grüßen

    Die Sopranistin singt dieses Lied vom Blatt und wird mit glockenheller Stimme durch die Kathedrale trällern:

    Wenn du eine Bluse schaust

    Grieg hat hier eine Wiederholung vorgesehen, Heine hätte sich verstanden gefühlt.

    Link: Eismeerkathedrale Tromsö

    The remains of the day

    Hier oben in Nordnorwegen darf man auf der Landstraße 90 fahren, im Gegensatz zu den 80, die sonst auf Landstraßen erlaubt sind. Hin und wieder werden Touristen erwischt, denen das nicht reicht, 180 wäre viel schöner. Kann man machen. Wer als Ausländer erwischt wird, erfahren wir von Péter, muss aussteigen, bekommt zwei Jahre Einreiseverbot nach Norwegen, das Auto auf eigene Kosten nach Hause überstellt und 5000 € Strafe. Als Norweger gehst du ein halbes Jahr in den Knast, zwei Jahre Führerscheinentzug, 2 Monatsgehälter Geldstrafe.

    Alle Rentiere gehören den Sami. Vor zwei Tagen sind sie von den Inseln, auf denen sie weiden, aufs Festland geschwommen, die 1,8 km schaffen sie in einer halben Stunde. Jetzt werden sie an einen Ort gebracht, an dem es vorwiegend Pulverschnee gibt, durch den können sie sich Futter suchen. Die Sami wissen auch nicht, wo ihre Tiere genau sind, es kann lange dauern, bis alle gefunden sind. Wir sehen die letzten Rentiere, kleine Gruppen von 20 und 6 Tieren neben der Landstraße. Die müssen also noch gefunden werden.

    Außerdem sehen wir einen Fuchs auf der Fahrbahn, sehr dunkelrot und wuschlig und eine Robbe, nicht auf der Fahrbahn. 

    Die Toiletten sind zu – Ende der Saison. Sandburgen auf nordnorwegisch. Die Robbe irgendwo dahinten.

    I just needed some speed

    Die letzten Reste unseres Kabinenkollers verfliegen, als wir die mittlerweile irgendwie lustlos wirkenden Seeigel hinter uns lassen und schon mal vordüsen zum nächsten Anlegehafen, wo wir ein bisschen spazieren gehen können und wieder in die Lofoten umsteigen.

    Ich bin voll im Speedrausch, stehe ganz vorn, ich glaube, sogar mein Rücken lacht, der Kapitän lässt das Schiff in Wellen krachen, ihm scheint die rasante Fahrt genauso viel Spaß zu machen, wie mir. Auch Spaß gemacht hat ihm, vermute ich mal, das Boot unter dem Adlervorwand plötzlich zu stoppen und zuzusehen, wie die Fernglas- und Kamerabewaffneten ins Wanken geraten; immer nur Seeigel, ich versteh das.

    Als Zugabe sehen wir einen Sonnenuntergang, wer das beim Lesen nicht spektakulär findet, hat vermutlich vergessen, dass wir das Wasserpaket all inclusive gebucht hatten.

    Vorn am Bug komme ich mir schon ein bisschen vor wie Kate Winslet … Ich verstehe, dass ich hierhin zurückkommen kann, wenn der Alltag an mir zerrt.

    Randvoll mit frisch produzierten Endorphinen warte ich im Hafen. Als die Lofoten einläuft, kriegen manche Passagiere kullerrunde Augen: Wie ich das gemacht habe? Vor dem Schiff im Hafen zu sein und am Quai zu stehen? Jule dreht noch eine Runde an Land mit ihrem glücklichen, schwanzwedelnden Welpen, der sich erstmal ausgetobt hat und zum Abendbrot geh ich zur 8-Uhr-Truppe, wo es am Tisch der Amsterdamer, Belgier und Australier höchlicht albern zugeht. Der Welpe ist glücklich.

    Seeigelsafari

    Eher geht die Lofoten durch den Trollfjord als ein Reicher durch ein Nadelöhr

    Mein Ausflug zu den Huskies war so cool, dass die Frage jetzt nur noch sein konnte, what’s next? Der Fahrplan der Wale sah aktuell keine Begegnung mit der Lofoten vor, wir hatten nicht mal “viele Möwen”, und die Seeadler gönnten uns nur eine Stippvisite, manche haben erst später auf den Fotos gesehen, dass die braune Möwe tatsächlich ein Adler war.

    Safariglück: Die MS Lofoten 

    MEL hatte coole Exkursionen explizit gesponsort, mein erster geplanter Ausflug im Speedboot war wegen Wetter abgesagt worden, also ran an die Adler! Der ständige Sprachenmix aus Deutsch, Englisch und Norwegisch hat die Sea Eagles zu Seeigeln werden lassen und dabei ist es geblieben.
    Vor dem Trollfjord, einem sehr kleinen Fjord, steigen die Safariabenteurer um in ein kleineres Schiff, das geht spielend leicht und unfallfrei, dann können wir der Lofoten zusehen, wie sie sich elegant in den Fjord fädelt, wir düsen schon mal voraus, damit wir ihr dabei besser zusehen können und nicht im Weg sind. Außerdem haben wir ein Abenteuer vor.

    Ein guter Stand schadet indes nicht: wenn Radar und Besatzung we have an eagle melden, bremst das Boot abrupt und die haltsuchenden Fotokünstler, die eben noch den sehr beweglichen Adler im Sucher hatten, kriegen verwackelte Bilder von Adlerfüßen oder Flügelspitzen oder einfach von Wasser. Leichter ist es da schon, unsere Möwen-Eskorte zu fotografieren.

    Weil man nie wissen kann, ob auch Adler die Safari gebucht haben, geht der Veranstalter auf Nummer sicher, wirft tote Fische ins Wasser und imitiert Adlerrufe. Das machen sie so seit 18 Jahren, die Adler kennen das Boot und wissen bescheid. Ich stelle mir die Aufzucht der Adlerjungen lustig vor, wenn die Eltern am Nestrand sitzen und erklären, aber zum Boot um sechs seid ihr wieder da, dann gibt’s Abendbrot.

    Die letzten Fische überlassen die Adler, satt und irgendwie ein bisschen träge, den Möwen, die ihrerseits ungefähr wissen, wann der Chef der Lüfte genug hat und immer weniger bereitwillig kuschen, wenn der pflichtschuldig zur Audienz erscheint.

    Was mich komplett irritiert, ist die Riesenspritze, die zusammen mit einem scharfen Messer bei den toten Fischen liegt. Drogen? Betäubungsmittel? Süchtig machende Substanzen? Ach was. Unsere nicht ganz artgerechte Fütterung könnte die Adler ertrinken lassen. Im Ernst. Toter Fisch würde nach unten sinken, also müsste der Adler tauchen und mit nassen Flügeln würde er eben ertrinken. Mit der Spritze pumpen die Mädels Luft in die Fische, die dann, obwohl tot, oben schwimmen und mit den Adlerklauen abgesammelt werden können. Ob die Adler deswegen pupsen oder rülpsen, ist nicht überliefert. Die Möwen hingegen bekommen schnabelgerechte Stücke ohne Sprudel zugeworfen, die sie, wie es sich gehört, im Flug fangen. Eine junge Adlerdame fand die Möwenmethode cool und fängt jetzt auch fliegende Fische, was ihre Eltern dazu sagen, weiß ich nicht, aber sie ist der Liebling der Besatzung und wird extra angekündigt.

    nach dem Essen sollst du ruhen …